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Ischgl: Ein Skandal, der seinesgleichen sucht

Es kursieren derzeit hunderte Berichte in den internationalen Medien über die Versäumnisse und die vermeintlichen Vertuschungen in Ischgl. Für die internationale Presse ist Ischgl eine zentrale Drehscheibe der Coronapandemie in ganz Europa. Die Auswertungen der Telefon- und GPS-Daten der österreichischen Touristen zeigen, wohin die Menschen nach Schließung des Skigebiets gefahren sind. Ganz Österreich, vom Bodensee bis zum Neusiedlersee, ist von diesem Skandal betroffen. Die Verantwortlichen haben Menschenleben gefährdet, sowohl in Österreich als auch auf der ganzen Welt. Zuletzt ist sogar ein Journalist, der in Ischgl gewesen ist, an den Folgen des Virus verstorben. Eine Sammelklage mit insgesamt 4.000 Klägerinnen und Klägern steckt in den Startlöchern. Viele infizierte Menschen sind davon überzeugt, dass sie sich in Ischgl den COVID-19 Virus eingefangen haben und dass das alles vermeidbar gewesen wäre, wenn die Behörden rechtzeitig reagiert hätten. Aber Anzeichen vom Schuldbewustsein bei der Politik, Fehl an Platz. Stattdessen wird relativiert und die katastrophale Vorgehensweise verteidigt. Es steht der scheußliche Verdacht im Raum, dass die Entscheidungsträger einerseits aus wirtschaftlichen Gründen, um die Saison nicht zu gefährden, und andererseits aus politischen Gründen, da die Wirtschaftskammerwahlen in Tirol vor der Tür standen, derart gehandelt haben. Pikantes Detail: Auch der Bundeskanzler ist in Kontakt mit der Adlerrunde, einem erlesenen Kreis von Wirtschaftstreibenden und Industriellen in Tirol – ganz eng verstrickt mit der ÖVP Spitzenpolitik versteht sich. Die roten Stricherl, die in einer Grafik des ORF die Touristenströme weg von Ischgl darstellen, reichen bis nach Wien, vielleicht sogar bis ins Kanzleramt. Spannend wäre es auch zu wissen, wo die Striche dann im Ausland gelandet sind und dort unvermeidbar andere Menschen in anderen Ländern angesteckt haben.

Für Österreich ist das auf internationaler Ebene ein politisches Desaster. Die Dimension dieses Skandals sucht Seinesgleichen, aber tatsächlich gab es bis dato keinerlei politische Konsequenzen und auch keine Rücktritte seitens der Politik. Die Genese und die Chronologie der Vorfälle rund um Ischgl müssen lückenlos aufgeklärt werden. Es braucht einen Untersuchungsausschuss, der alle Facetten dieses makabren Schauspiels aufdeckt. Mit der ÖVP in der Regierung, sowohl in Tirol als auch auf Bundesebene, sind die Aussichten auf Aufklärung wohl eher gering.  Das werden die türkis-schwarzen Herrschaften aus Politik und Wirtschaft schon zu verhindern wissen.

Was bleibt, ist eine ethische, gesundheitliche und politische Tragödie rund um eines der schönsten Skigebiete Österreichs. Alle Angaben ohne Gewähr und es gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

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