INTERVIEWMANŞETÖSTERREICH

MigrantInnen müssen sich ständig beweisen

Im Interview: Melisa Erkurt, Journalistin, Lehrerin, Autorin

Liebe Frau Erkurt, können Sie sich unseren LeserInnen bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Melisa Erkurt, ich war Lehrerin, ich habe lange ein Schulprojekt in Wien geleitet. Ich bin in Sarajewo geboren und als Kleinkind mit meiner Mutter nach Österreich geflüchtet. Im August diesen Jahres habe ich ein Buch herausgebracht, „Generation Haram“, in dem ich meine Erfahrungen als Schülerin, als Lehrerin, als Schulprojektleiterin und Journalistin mit Migrationshintergrund verarbeitet habe.

 

Wie sind Sie dazu gekommen „Generation Haram“ zu schreiben?

Ich bin auch Kolumnistin, ich schreibe für den Falter und die TAZ über Bildungs- und Integrationsthemen. Der Zsolnay Verlag hat die Kolumnen gelesen und mich daraufhin gefragt, ob ich ein Buch schreiben möchte. Mein Arbeiterkindselbstbewusstsein hat mir zuerst gesagt: Nein, das schaffst du nicht, du kannst sowas nicht, wer bist du schon? Dann habe ich mir angeschaut, wer überhaupt über Schule und SchülerInnen schreibt. Das waren häufig Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben, aus der Akademikerschicht kommen und immer über Menschen wie mich und meine ehemaligen SchülerInnen schreiben. Ich habe mir gedacht, ich kenne diese Menschen, ich bin einer dieser Menschen – und ich kann von beiden Seiten erzählen, als Lehrerin und als Schülerin. Wieso sollte ich nicht ein Buch schreiben? Ich habe dann doch „Ja“ gesagt und bin sehr froh darüber. Es war auch nicht schwer ein Buch zu schreiben, da kann ich jedem die Angst nehmen. Man denkt vielleicht, nur Akademiker können das, und Literaten – nein – ich finde, jeder hat etwas zu sagen. Es ist wichtig, dass Betroffene das auch niederschreiben.

Meschen ohne Migrationshintergrund aus der Akademikerschicht schreiben über Menschen wie mich und meine ehemaligen SchülerInnen

 

Sie sagen Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen sich ständig beweisen. Inwiefern?

Unser Gehirn funktioniert so, dass es alle Menschen stereotypisiert. So behandeln LehrerInnen SchülerInnen mit Migrationshintergrund anders, trauen ihnen weniger zu. Sie schreiben ihnen Eigenschaften als Kollektiv zu und nicht als Individuum. Wenn zum Beispiel ein muslimisches Mädchen wenig redet, so geht man davon aus, dass es unterdrückt wird – vielleicht ist es aber schüchtern. Man traut MigrantInnen weniger zu. Das sieht man auch im Beruf. MigrantInnen sind überproportional in schlecht bezahlten Jobs vertreten, sie sind seltener an Unis und in Führungspositionen zu finden. Sie können nicht mitgestalten, und das liegt sicher nicht daran, dass MigrantInnen unfähiger sind, sondern daran, dass sie systematisch diskriminiert werden. Das ist struktureller Rassismus.

 

Wenn ein muslimisches Mädchen wenig redet, geht man davon aus, dass es unterdrückt wird. Vielleicht ist es nur schüchtern.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass der Unterricht an der Lebensrealität der Schüler vorbei geht. Können Sie das kurz erklären?

Der Unterricht geht generell an allen SchülerInnen vorbei. Schule ist von Erwachsenen für Erwachsene gemacht und hat nichts damit zu tun, was Jugendliche wirklich brauchen. Schule ist vor allem eine Betreuungseinrichtung. Die meisten können sich, wenn sie zurückdenken, kaum noch an etwas erinnern, das sie gelernt haben, man musste einfach für die Schularbeit lernen und hat dann alles wieder vergessen. Für Akademikerkinder ist das eigentlich egal, weil da wird Bildung vererbt, da muss die Schule gar nichts ausgleichen. Da ist es egal, wenn die Schule mittelmäßig bis schlecht ist. Diese Kinder bekommen von zu Hause aus kulturelles Kapital mit, Knowhow. Für einige Arbeiterkinder, für Menschen, deren Eltern nicht so gut Deutsch können, ist es fatal, dass die Schule sich nicht nach ihnen ausrichtet. Sie haben zu Hause keine Eltern, die das ausgleichen, sie haben kein Geld für Nachhilfe, viele haben nicht einmal einen eigenen Schreibtisch oder Computer. Sie scheitern dann irgendwann. Das könnte durch eine Ganztagsschule ausgeglichen werden.

 

 Der Unterricht geht an allen SchülerInnen vorbei. Schule ist von Erwachsenen für Erwachsene gemacht

 

Wie könnte ein moderner Unterricht aussehen?

Ich kann für den Deutschunterricht sprechen, dass man die SchülerInnen auf Sprechsituationen vorbereitet, z.B., indem man Sprechtraining macht. Das ist wichtig, da sie bei Bewerbungsgesprächen auch nach ihrer Aussprache bewertet werden. Wenn sie dann sogenanntes „Park-deutsch“ sprechen, dann wird ihnen automatisch weniger zugetraut.

Man könnte MigrantInnenliteratur lesen, damit sich die SchülerInnen vertreten fühlen, damit sie nicht denken, „das ist so elitär“, sondern auch Menschen wie ich haben das geschrieben. Wenn man z.B. Zeitungsartikel einbaut. Der Text muss gar nicht von Integration handeln, es kann ein Artikel zu COVID-19 sein, aber er ist geschrieben von Köksal Baltaci. Da sehen die türkischstämmigen SchülerInnen sofort, dass sie auch JournalistInnen werden können.

 

Wenn Jugendliche bei der Bewerbung „Parkdeutsch“ sprechen, wird ihnen automatisch weniger zugetraut. Sprechtraining in der Schule wäre wichtig.

 

Wieso geht es in der Bildungspolitik nicht weiter?

Da gibt es viele Gründe. Zum einen haben wir in Österreich einen Föderalismus – Bund und Land können sich nicht einigen. Das hat man jetzt am anschaulichsten gesehen, wenn es um die Anschaffung von Laptops gegangen ist. Da konnte man sich nicht einigen, wer macht was usw. und die Laptops sind noch immer nicht bei allen angekommen. Da muss man sich vorstellen, dass, wenn die Bildungspolitik sich schon im Kleinen nicht einigen kann, dass sie dann im Großen, nämlich bei einer Gesamtschule, einer Ganztagsschule, erst recht scheitert.

Ein weiterer Grund, warum niemand sagt: Es reicht!, ist, dass keine PolitikerInnen von dieser Krise betroffen sind, weil ihre Kinder, Neffen, Nichten Akademikerkinder ohne Migrationshintergrund sind, denen kann das ja egal sein. Sie können die Lebensrealitäten von Kindern wie ich es war, wie meine SchülerInnen es sind, einfach ausblenden. Daher kommt bei ihnen auch nicht die Motivation zu sagen, wir können so nicht mehr weitermachen.

Lesen Sie Teil 2 in unserer nächsten Ausgabe

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