MEINUNG

Unsere Kinder sind keine Gefahr!

Es ist wirklich schockierend, eine Integrationsministerin zu haben, die versucht, öffentlich Mehrsprachigkeit als Gefahr darzustellen. Die Mehrsprachigkeit ist keine Gefahr, sondern die Lebensrealität von vielen Menschen in Österreich, die unglaubliches Potential in sich hat. Kinder, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, lernen nicht nur mehrere Sprachen, sondern auch mehrere Kulturen kennen. All diese Kinder sind zukünftige Brückenbauer, die sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch ihren originären Kulturkreis sehr gut kennen. Umso mehr müssten wir uns als System darum bemühen, diese Kinder zu gewinnen und zu unterstützen, stattdessen werden sie für politische Zwecke instrumentalisiert.
Ich bin auch zweisprachig aufgewachsen, deshalb habe ich mir immer leicht getan, neue Sprachen zu lernen. Heute beherrsche ich die Grundlagen von sieben Sprachen und spreche vier davon fließend. Mit der richtigen Förderung und einem Bildungssystem, das Kindern Perspektiven bietet, ist Mehrsprachigkeit etwas Tolles und keine Bedrohung. Je früher man im System ansetzt, desto besser. Daher braucht es Maßnahmen, wie etwa ein flächendeckendes sowie kostenloses zweites Kindergartenjahr und kompetenzorientierte Sprachförderung, um die sprachlichen Kompetenzen — insbesondere natürlich auch die Deutschkenntnisse — frühzeitig zu fördern.
Ein weiterer Punkt, dessen wir uns bewusst werden müssen ist, dass es keine Wertigkeit zwischen Sprachen gibt. Jede Sprache ist wichtig und birgt ein Potential für die betroffenen Individuen und auch für die Gesellschaft. In der Realität ist es aber so, dass Sprachen wie etwa Englisch, Französisch und Italienisch gesellschaftlich anerkannt werden, während hingegen Arabisch, Türkisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und andere Sprachen, die von österreichischen Minderheiten gesprochen werden, als vergleichsweise minderwertig angesehen werden. Viele Kinder mit Migrationshintergrund schämen sich aufgrund dieses Umstands, in der Öffentlichkeit ihre Muttersprache zu sprechen, weil sie fürchten, dafür kritisiert zu werden. Kein Wunder, wenn die für Integration zuständige Ministerin in zahlreichen Interviews versucht, die Mehrsprachigkeit von Kindern als Gefahr darzustellen. Die Aufgabe der Politik sollte es aber sein, das Potential unserer Kinder bestmöglich zu entfalten, sie dort zu unterstützen, wo sie Hilfe benötigen, und eben nicht die vorhandenen Kompetenzen zu verteufeln und ihre Lebenswelt öffentlich als Gefahr zu darzustellen. Da hat Frau Raab, die zuständige Ministerin für Integration, ihre Aufgabe vollkommen missverstanden.
Damit diese Kinder in der Schule und im weiteren Leben erfolgreich sind, braucht es nämlich ein diskriminierungsfreies Bildungssystem und ehrliche Politik, die das Ziel hat, diese Kinder zu fördern und zu fordern. Leider gibt es aber weiterhin offizielle Lernunterlagen mit diskriminierenden Inhalten, sogenannte Deutschförderklassen, die Schülerinnen und Schüler im Kindesalter segregieren und ein Bildungssystem, das sich zu wenig mit den individuellen Kompetenzen unserer Kinder auseinandersetzt. Solange das so ist, wird es für die betroffenen Kinder weiterhin schwierig werden, erfolgreich zu sein. Aber vielleicht will die aktuelle Bundesregierung ja nicht, dass diese Kinder ihr gesamtes Potential entfalten.

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