INTERVIEWJUGEND

… Viele Eltern nehmen sich nicht mehr die Zeit, auf die Jugendlichen einzugehen…

Unruhig oder quengelig? Tablet vors Gesicht!

  • Fehlt der Jugend die Ernsthaftigkeit, Zielstrebigkeit, der Wille wirklich zu arbeiten und sich einzusetzen? Ist unsere Jugend verwöhnt?

Wenn man sich das auf den ersten Blick ansieht, könnte man sagen: Ja, das stimmt, die Jugend ist verwöhnt – das ist die Generation Selfie, die Generation Instagram.

Auf den zweiten Blick muss man realistisch sein und sagen: eine Generation ist immer das Ergebnis ihrer Umgebung. Das bedeutet: Menschen werden immer zum Ergebnis ihrer Umgebung in die sie hineingeboren werden. Und diese Welt, die wir heute haben, ist eine Welt voller Wohlstand, in der viele Dinge bereits existieren und uns ein schönes Leben bereiten, welches es in den früheren Generationen oft nicht gab. Viele Menschen, die den Krieg in Österreich oder Europa erlebt haben, wissen wie es war, wenn du damals noch eine Welt hattest, wo du in den Supermarkt gegangen bist und nicht genug Fleisch oder Milch da war. Es war eine Welt, in der es darum ging sich durchzusetzen und etwas aufzubauen, da war das Thema Sicherheit extrem wichtig. Damals sind Glaubenssätze entstanden wie: „Den Kindern soll es einmal besser gehen als uns selbst.“ Da ging es um ein gutes Gesundheitssystem, Frieden auf den Straßen. Damals war eine Welt, in der viele nicht ihre Lebensverwirklichung in den Vordergrund gestellt haben, sondern es ging darum ernsthaft zu sein, zielstrebig zu sein und einen starken Willen zu haben, um sich den Wohlstand zu erarbeiten. Dies wurde über viele Generationen entwickelt und die Glaubenssätze „Euch soll es mal besser gehen“ und „Ohne Fleiß kein Preis“ sind damals entstanden und waren wichtig, um diese „Challenges“, in einer Welt, in der kein Wohlstand herrscht, vorzubereiten. Das Problem ist, dass wenn man diese Glaubenssätze hat, die doch sehr stark in Richtung Leistung, Leistung, Leistung gehen, aber man gleichzeitig eine Welt voller Wohlstand hat, in der die normale Sicherheit in vielen Bereichen gegeben ist, in der man nicht darum kämpfen muss, um fließendes Trinkwasser oder für alle im Dorf genug Milch oder Fleisch zu haben… Wenn man in dieser Welt die Jugend mit den alten Denkmustern betrachtet, denkt man natürlich sehr schnell, die sind nicht ernsthaft, nicht zielstrebig. Zielstrebigkeit und Ernsthaftigkeit war früher wichtig, als es allen eben nicht so gut ging.

Gleichzeitig darf man eines jedoch nicht vergessen: die Welt von heute ist voller Science Fiction:

Als ich ein Kind war, habe ich meine Lieblingsmusik von David Hasselhoff noch als Schallplatte bestellt und war froh, wenn das Ding nach 3 Tagen oder 3 Wochen da war. Ich bin jeden Tag zum Briefkasten gegangen und habe gehofft, dass diese Schallplatte endlich da ist. Heute kannst du auf Amazon ein Produkt bestellen und am nächsten Tag ist es da, heute kannst du, wenn du ein Lied hören möchtest, auf YouTube gehen und kannst es gratis jetzt und sofort hören. Früher, wenn ich mein Lieblingslied hören wollte, musste ich vor dem Radio sitzen und warten, bis das Lied hoffentlich kommt, oder auf MTV. Die Welt, in der wir heute leben, ist eine Welt, in der du alles jetzt und     sofort haben kannst, und es steht dir auch zu. Gleichzeitig siehst du auf Social Media, dass alle ein besseres Leben haben als du, alle haben ein tolles Leben und du denkst als Jugendlicher – Was ist los mit mir??? Wozu soll ich schuften, wenn alle so ein tolles Leben haben?

Auf der anderen Seite ist auch etwas ganz Gefährliches passiert: Viele Eltern nehmen sich nicht mehr die Zeit, auf die Jugendlichen einzugehen. Als ich noch ein Kind war, hatte ich die Zeit Geduld zu lernen und Langeweile zu spüren. Heute, wenn ein Kind unruhig ist oder quengelig, dann gibt man ihm sofort ein Tablet vors Gesicht, damit es eine Ruhe gibt. Was Kinder so niemals lernen ist, tiefere Beziehungen aufzubauen, und auch mal geduldig zu sein.

Wenn man die Jugendlichen mit dem Blick der Erwachsenen ansieht, denkt man natürlich, die sind nicht ernsthaft, nicht zielstrebig und nicht willig, wirklich zu arbeiten.

Man kann ihnen aber keinen Vorwurf machen – denn – wozu soll der Mensch schuften, wenn schon alles da ist.

Unsere Jugend ist nicht verwöhnt, sie lernt gerade erst, nicht dieselben Fehler wie die Erwachsenen zu machen. Diese Fehler haben nämlich zum Klimawandel geführt, der so katastrophal ist, sie haben zu einer Schwelle zwischen Arm und Reich geführt, die immer noch riesengroß ist – obwohl alle Technologien der Welt da sind. Und sie haben das Frauenbild in eine falsche Ecke gedrängt.   Die Jugend ist gut beraten, wenn sie sich nicht nur (verzeihen Sie mir) den Ar*** aufreißt, um zu schuften. ABER sie wird eine Ernsthaftigkeit entwickeln, um diesen Planeten zu retten… Da sind wir jetzt schon bei den Jugendlichen, die freitags Schule schwänzen, und die Straße gehen, um für den Klimawandel einzutreten.

  • Ihr nächstes Projekt?

Ich habe vor whatchado schon viel im Bildungswesen gemacht und es war immer meine Lebensdevise den Menschen zu zeigen, was sie in ihrem Leben machen können, sie begleiten, die ersten Schritte zu gehen. Daraus ist whatchado entstanden. Ich mache auch große Vorträge, ich bin Keynote Speaker, das heißt, ich bin eine Art Lehrer, der Jugendlichen und auch Erwachsenen zeigt, was gerade in der Welt passiert und warum die Dinge so sind wie sie sind. Gleichzeitig gebe ich auch Handlungsanweisungen, wie man mit diesem Wandel in der Welt umgehen kann.

Ich möchte eine Schule bauen, in der du all die Dinge lernst, die du NICHT in der Schule lernst, das ist das nächste riesengroße Projekt, das ich gerade konzipiere. Es werden noch einige Bücher kommen, ansonsten bin ich als eine Art Coach unterwegs und helfe Jugendlichen teilweise in Einzelsessions aber auch im großen Rahmen,    teilweise mit 1.000 Jugendlichen, ihre Talente und Potentiale zu entdecken.

  • Was für einen Tipp für unsere Leserinnen und Leser auf Berufssuche haben Sie?

Berufssuche ist natürlich immer schwierig, wenn man keinen Erfolg hat und zu Hause sitzt und denkt, dass man nichts wert ist. Die Wahrheit ist, dass es vielen Menschen auf Berufssuche so geht. Ich habe mich in meinem Leben oft über 50 oder 60 Mal beworben und nicht einmal eine Antwort bekommen. Aber ich hatte Freunde, die mir Gott sei Dank erzählt haben, dass das normal ist. Man darf kein schlechtes Gewissen haben auf der Berufssuche.

Es ist nicht so, dass man in der Früh aufwacht und sagt: “Ah, das ist es!”, und dann gibt es   einen Job. Sondern das wichtigste ist, ins Tun zu kommen.

Ich habe gelernt, dass man nicht zu Hause sitzen, sondern irgendwas machen soll, z.B. ehrenamtlich. Aber man muss sich auch immer wieder bewerben und besser werden. Das versuchen nämlich die meisten Menschen nicht. Sie schreiben Bewerbungen, bekommen Absagen und hinterfragen niemals, warum es so ist.

Wenn ich Absagen bekommen habe, habe ich sofort nachgefragt: Wie kann ich mich verbessern? Wie hätte ich die Bewerbung machen müssen, damit ich mehr Chancen habe? Feedback einzuholen und besser zu werden, ist extrem wichtig.

Das zweite ist probieren, probieren, probieren!

Drittens sollte man einfach beginnen und tätig werden, auch wenn das nur ehrenamtlich ist. Ansonsten wirst du zu Hause herumsitzen und glauben, dass die Welt nichts von dir wissen will.

 Wie kommt man an Sie ran? Sie sind sicher sehr beschäftigt… Kann man Sie einfach einladen oder Ihnen schreiben?

Ja, ich bin wirklich sehr beschäftigt und bin frischgebackener Vater. Da kommt noch die wichtigste Rolle meines Lebens dazu. Ich bin aber erreichbar per Email, die steht auf meiner Webseite, unter www.ali.do. Ich versuche natürlich auch auf die Emails zu antworten, wenn es sich zeitlich ausgeht. Ansonsten über Social Media – ich freue mich immer sehr über Direct Messages auf Instagram (da bin ich zu finden unter Ali Mahlodji). Ansonsten kann man einfach zu einem meiner Vorträge vorbeikommen. Die Termine gibt es auch auf meiner Website.

 

Vielen Dank für das interessante, ausführliche und lehrreiche Interview!

 

Foto: Ali Mahlodji

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