MEINUNG

Wenn „Türken“ im Unterricht als „Plage“ bezeichnet werden

Ein Arbeitsblatt in einer Grazer Volksschule hat in den letzten Tagen für großes Aufsehen gesorgt. Türken werden darin als „Landplage“ bezeichnet. Als ob das nicht reichen würde, vergleicht man Türken sogar mit biblischen Plagen, wie Heuschrecken und der Pest. Ist es wirklich zeitgemäß und passend, dass man Kindern in der Volksschule so etwas beibringt? Meines Erachtens ist das rassistisch sowie diskriminierend und hat in dieser Form, auch angesichts der historischen Kontexte, im Geschichtsunterricht einer dritten Volksschulklasse nichts verloren. Das Arbeitsblatt wurde mir von einer besorgten türkischstämmigen Mutter zugeschickt, deren Tochter als Arbeitsauftrag diese Unterlage bekommen hat. Damit ein derartiges Dokument nicht mehr als Lernmaterial verwendet wird, habe ich dem Bildungsminister einen Brief geschrieben, den ich mit Euch teilen möchte. Ich bin gespannt, ob ich eine Antwort bekomme und ob dieses Arbeitsblatt aus unseren Schulen verschwindet.

Geschätzter Herr Bildungsminister, sehr geehrter Herr Prof. Fassmann!
Mir wurde von einer besorgten Mutter das beigefügte Übungsblatt übermittelt. Darin werden die vermeintlichen „drei Landplagen: Türken, Heuschrecken und die Pest“ vorgestellt. Ihre Tochter hat diesen Lernbehelf im Unterricht in der dritten Klasse einer Volksschule in Graz von ihrer Lehrerin erhalten. Darin werden Türken als „Plage“ bezeichnet und in weiterer Folge mit Heuschrecken und der Pest gleichgesetzt. Das Arbeitsblatt ist, auch angesichts des historischen Kontextes, nicht nur eindeutig diskriminierend, sondern auch pädagogisch mehr als fragwürdig und grenzt in gewissen Teilen an Verhetzung. Auch in den Medien wurde bereits über diesen Vorfall berichtet.
Ist es wirklich zeitgemäß und passend, dass man Kindern in der Volksschule unsere Geschichte auf diese Art und Weise beibringt? Ich möchte mir nicht vorstellen, was in einem kleinen Kind vorgeht, wenn man so etwas vor der versammelten Klasse lesen muss. Bei der Vermittlung dieser Lerninhalte muss man im Jahr 2020 eindeutig mehr Sensibilität an den Tag legen. Unvorstellbar, was eine derartige Entmenschlichung einer Minderheit in Österreich in den Köpfen unserer Kinder auslöst. Solche Vergleiche sind in unserer heutigen Gesellschaft schlichtweg fehl am Platz. Die Sensibilisierung für geschichtliche Ereignisse ist für unsere Kinder äußerst wichtig, jedoch bedarf es, wie der Begriff schon nahelegt, ein sensibles und pädagogisch fundiertes Vorgehen. Dieses sogenannte „Arbeitsblatt“ erfüllt weder das Eine noch das Andere.
Aus diesem Grund erwarte ich mir von Ihnen, Herr Bundesminister, dass Sie veranlassen, dass dieses Arbeitsblatt in keiner österreichischen Schule mehr verwendet wird. Um sicherzustellen, dass sich die regionalen Verantwortlichen ebenfalls der Sache annehmen, ergeht eine Kopie dieses Schreibens an die regionale Bildungsdirektion Steiermark, an den Bürgermeister der Stadt Graz und an die Schuldirektion der betroffenen Volksschule. Ich ersuche um zeitnahe Rückmeldung.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Tarik Mete
Gemeinderat

„Anmerkung: Zwischenzeitlich hat die Bildungsdirektion entschieden, dass das gegenständliche Arbeitsblatt in den Schulen nicht mehr verwendet werden darf. Unser gemeinsamer Einsatz gegen Diskriminierung hat sich ausgezahlt.“

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